Grußwort von Alfred Krieger

Alfred Krieger, Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen 

Liebe Institusgründerinnen und –gründer, liebe Kolleginnen und Kollegen, 

leider ist es mir wegen eines zeitgleichen anderen Termins nicht möglich, Ihnen meine Grüße persönlich zu überbringen.

Zunächst einmal möchte ich Ihnen meinen großen Respekt dafür aussprechen, dass Sie die Herausforderung und Anstrengung auf sich genommen haben, ein Psychotherapieausbildungsinstitut in Hessen zu gründen.

Ich freue mich vor allem auch über den integrativen Ansatz Ihres Instituts und die in Ihrem Selbstverständnis erklärte Sichtweise: „Humanistische, behaviorale und systemische Zugänge zum Erleben von Menschen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander.“ Sicher ist hier auch der psychoanalytisch-tiefenpsychologische Zugang zum Verstehen und zur Behandlung psychisch kranker Menschen mitgemeint, auch wenn er nicht explizit erwähnt wird. Damit leistet Ihr Institut einen Beitrag zum kritischen und gleichzeitig respektvollen Diskurs zwischen den Angehörigen der verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Deren Eigenständigkeit gilt es zu wahren und zu respektieren. Und auch so verstehe ich Ihr Konzept, dass sie keiner „Einheitspsychotherapie“ oder „Allgemeinen Psychotherapie“ das Wort reden, sondern in den jeweiligen Verfahren qualifiziert ausbilden und den Ausbildungsprozess als Bildungsprozess sehen, der den Beginn einer beruflichen Identität markiert.

Im von den Kammerdelegierten 2005 verabschiedeten „Geisenheimer Manifest“ wird der Gedanke der Pluralität betont: „Zu dieser Kultur eines offenen Diskurses gehört auch die Akzeptanz der auf unterschiedlichen Menschenbildern gründenden Verschiedenheit wissenschaftlicher psychotherapeutischer Traditionen und Verfahren und nicht zuletzt auch die Akzeptanz und Förderung unterschiedlicher Forschungsstrategien in der Untersuchung des Gegenstandes und der Weiterentwicklung der Psychotherapie.“

Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Biologisierung psychischer Erkrankungen im gesellschaftlichen Diskurs sowohl in der Konzeptualisierung („genetisch bedingt“) wie auch in der Behandlung psychischer Krankheiten (psychopharmakologisch), begrüße ich Ihren an der Beziehung anknüpfenden Ansatz. Im bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell, auf das Sie sich beziehen, steht zwar die biologische Determinante an erster, aber eben nicht an einziger Stelle. Ich verstehe die Reihenfolge als Referenz an die körperliche Begründung des Psychischen und des Sozialen, auch als Eingeständnis der körperlichen Abhängigkeit, in der sich Menschen befinden. Diese Haltung ist weit von einem Biologismus oder einer „Re-Biologisierung“ gesellschaftlicher Prozesse entfernt. Wie in ihrem verfahrensintegrativen Ausbildungskonzept geht es um das Zusammenspiel der unterschiedlichen Faktoren und deren Ergänzung. Eine ganzheitliche Grundhaltung verträgt sich nicht mit der Verabsolutierung eines Gesichtspunkts. So halte ich neben den „bildgebenden Verfahren“ nach wie vor die „sinngebenden Verfahren“ für die Behandlung psychisch Kranker für unverzichtbar.

(„Sinngebende Verfahren“ – das meine ich nicht verfahrensspezifisch, sondern in Abgrenzung zur ausschließlich somatisch-pharmakologischen Behandlung. Der Festredner des diesjährigen Hessischen Psychotherapeutentags, der Philosoph Wilhelm Schmid, hat es auf eine kurze Formel gebracht: „Sinn verleiht Kräfte, Sinnlosigkeit entzieht sie.“)

Mir als Kammerpräsident liegt die fachgerechte psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen besonders am Herzen, die, wie man weiß, noch besorgniserregender ist, als jene von Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen – ich nenne nur Stichworte, wie monatelange Wartezeiten auf einem ambulanten Psychotherapieplatz, ungenügende Erreichbarkeit von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten vor allem auch in ländlichen Regionen oder der Abbau von Fachkräften in der Erziehungsberatung. Umso mehr freue ich mich, dass Sie die Lehrtätigkeit Ihrer Akademie mit einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie-Ausbildungsgang gestartet haben. Seitens der Kammer kann ich Ihnen versprechen, dass wir nach Kräften bemüht sind, die späteren Berufssituationen von Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen im ambulanten und stationären Kontext weiter zu verbessern.  

Ich hoffe nun, dass nicht nur der unmittelbare Zweck des Instituts, die Ausbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, in dieser zu Beginn angesprochenen integrativen Weise gelingt, sondern dass sich daraus auch Fragestellungen und Anstöße für Forschungsvorhaben ergeben, mit denen sich gerade die Humanistische Psychotherapie aufgrund ihrer zu Unrecht randständigen Position an deutschen Universitäten schwer tut. Für Ihr Institut wünsche ich Ihnen ganz im Roger’schen Sinn Gedeihen und Wachstum. Klingt das nicht nach einer Pflanze als Geschenk? Oder entsprechend der Jahreszeit nach einem Pfund Spargel? Ich habe mich für die Pflanze, eine Dipladania, entschieden. Ihnen und Ihrer Akademie alles Gute!